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15.04.2010

Gedicht des Monats

AN DEN TRAUMGOTT
von Gottfried August Bürger
1772

Du Schwärmer um die Ruhebetten
von Moos und Flaum,
o Brüderchen der Amoretten,
geliebter Traum!
Wo fandest du, sie nachzubilden,
den Stoff so fein? -
In überirdischen Gefilden
gewiß allein!

Zu freundlich nur für Adelinen
war dies ihr Bild.
Wann wäre sie mir selbst erschienen
so sanft, so mild?
Verkündigst du wohl noch mir Armen
Barmherzigkeit? -
Nein! nein! sie fühlet kein Erbarmen
in Ewigkeit!

O Traumgott, ist es ja dein Wille,
mir wohlzutun,
so wandle deine schöne Hülle
und kleiden nun
dich in ein Wesen wie das meine
von Gram verzehrt
und wie ein Leidender erscheine,
der Trost begehrt!

Der Schatten laß mein Bildnis gleichen,
die still der Nacht
durch Hallen und um Gräber schleichen.
In Trauertracht,
mit hagrer Wang und einer Miene,
die Gnade fleht,
tritt hin zu dieser Adeline.
die mich verschmäht;

und neige dich mit leisen Tönen
bis an ihr Ohr;
zähl ihr die Seufzer und die Tränen
der Liebe vor;
und bring in Aufruhr ihr Gewissen!
ihr Schlaf entflieh!
und schluchzend unter Zährengüssen
erwache sie!

12.03.2010

Gedicht des Monats

Bei Dichters (1925)
von Erich Weinert (1890-1953)

Neulich war ich bei Dichters eingeladen
Da roch es nach Lorbeern und Gesprächen mit Gott.
Es gab lyrische Hammelkarbonaden
Und hinterher Aphorismenkompott.

Herr Dichter sprach über die letzte Schaffensepoche
und kaute gedankenvoll Petersilie.
Es kam mir vor wie ein Bild aus der Woche:
Der Dichter im Kreise seiner Familie!

Frau Dichter machte in Seelenergüssen
Und sprach, als Herr Dichter mal austreten ging,
Von der Tragik derer, die dichten müssen.
Worauf sie noch mal mit Kompott anfing.

Nach Tisch kamen noch zwei weitre Genies,
Beide mit katafalkischen Mienen,
Aus denen sich unschwer erkennen ließ:
Es lebte die gleiche Tragik in ihnen.

Herr Dichter schob uns in seine Zelle.
Da war er eben von seinem Drama genesen.
Wir lagerten uns pittoresk an der Quelle.
Herrn Dichter drang es was vorzulesen.

Und er las, bis seine Bronchien pfiffen,
Die lautesten Stellen aus jedem Akt.
Wir saßen finster und angegriffen,
Von seiner starken Dynamik zerhackt.

Dann klappte er zu, mit verhängten Pupillen.
Frau Dichter schmolz über seine Knie.
Im Dunkeln funkelten hörnerne Brillen,
Die räusperten was von Kosmosophie.

Hierauf traten die andern Herrn aus dem Schatten.
Manusskipte wurden heftig gezückt,
Die sie alle zufällig bei sich hatten.
Und jeder las nun den eigenen Konflikt.

Herr Dichter saß ganz von oben runter,
Das geschlossene Auge nach innen getunkt.
Doch die andern wurden gewaltig munter
Und deklamierten geballt, ohne Reim und ohne Punkt.

Das eine Genie kriegte tragische Inspiration,
Die eine Hand im Klavier, die andre am Schlipse,
Und melodramete lyrisch und kakophon.
Es war eine schauerliche Apokalypse.

Dann redeten sie mit verstauchten Manschetten:
Sie wären innerlich aus Kristall,
Und wie sie dauernd mit Gott zu ringen hätten
Und glühend dahinzuschweifen durchs All.

Ich bin leise weinend davongelaufen.
Mir hing schon die ganze Seele raus.
Denn so viel Tragik auf einem Haufen,
Das hält die beste Gesundheit nicht aus.

11.02.2010

Gedicht des Monats

von Eugen Roth (1895-1976)

Das Schnitzel
Ein Mensch, der sich ein Schnitzel briet,
Bemerkte, daß ihm das mißriet.
Jedoch, da er esselbst gebraten,
Tut er, als wär es ihm geraten,
Und um sich nicht zu strafen Lügen,
Ißt ers mit herzlichem Vergnügen.