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06.03.2008

Alles nur Modelle – zur Existenz allgemeiner Prinzipien

An einigen hier veröffentlichten Beiträgen (die auf den ersten Blick thematisch nicht unbedingt verwandt waren) fiel mir eine Gemeinsamkeit auf: Die Überlegungen oder Diskussionen erreichten oft einen Punkt, an dem nach der Existenz eines allgemeinen Prinzips gefragt wurde. Deswegen möchte ich ein paar Gedanken zu allgemeinen Prinzipien und ihrer Existenz (im Sinne von Gültigkeit) anführen.

Die Frage nach der Existenz einfacher materieller Gegenstände kann ja schon von allen philosophischen Seiten in ihrem Sinn angefochten werden. Wenn man dem aber die Frage nach der Existenz ideeller Begriffe gegenüberstellt, besitzt letztere eine ganz neue Qualität von Unsinnigkeit.

Während die Schwierigkeit der ersten Frage „nur“ darin besteht, sich darauf zu einigen was z. B. ein Stuhl ist und ein Verfahren zu finden um sich der Existenz des Stuhls zu vergewissern, ergibt sich hier ein zusätzliches Problem. Im Gegensatz zur Sitzgelegenheit ist ein Prinzip nicht räumlich lokalisierbar. Es spielt auf einer Metaebene und kann sich (im Falle seiner Existenz) in der materiellen Welt zeigen (z.B. Gerechtigkeit -> Kapitalverteilung). Der Rückschluss auf das Prinzip ist aber logisch nicht gerechtfertigt. Wichtig ist, dass dieses Problem nichts damit zu tun hat, dass Prinzipien „Definitionssache“ sind, also auch besteht, wenn man eine klare Definition des Prinzips hätte und immer bestehen bleiben wird, wenn man durch Umdefinition des Prinzips versucht Widersprüchen auszuweichen.

Am Beispiel Gerechtigkeit bedeutet das: Wenn sie sich durch eine gewisse Kapitalverteilung zeigt, und man diese beobachtet, kann man sagen „Die Kapitalverteilung gehorcht dem Gerechtigkeitsprinzip“ aber niemals „Es existiert/gilt Gerechtigkeit“. Gerechtigkeit besitzt neben der Kapitalverteilung unendlich viele andere Darstellungsformen die nicht untersucht werden können. (Meint man mit Gerechtigkeit jedoch nur eine gleichmäßige Kapitalverteilung, so ist sie kein ideelles Prinzip mehr, sondern etwas materielles)

Daher komme ich meiner Ansicht nach zu dem Punkt, dass die Gültigkeit von Prinzipien niemals beweisbar ist. Die Gültigkeit von Prinzipien ist niemals beweisbar.

Prinzipien sind Erklärungsversuche und Modelle die darauf warten, verletzt und von besseren Nachfolgern abgelöst zu werden.

Das hört sich nihilistisch an, ist aber total natürlich. Man darf an Prinzipien keinen Götzendienst leisten, denn sie sind ursprünglich aus unserer eigenen Abstraktion als Verallgemeinerungen und Erklärungsversuche entsanden. Sich ihnen zu unterwerfen und sich die Welt nun von ihnen erklären zu lassen ist genauso wie einen Computer nach Ideen für eine neue Programmiersprache zu fragen.

4 Kommentare:

michael matschie hat gesagt…

Nun ja, wenn ich davon ausgehe dass es nicht möglich ist ein höheres prinzip zu beweisen, so kann ich es dennoch erfahren/erleben und es in einem konkreten räumlichen und zeitlichen Rahmen begründen, z.B. wieso halte ich diese eine entscheidung für gerecht. Einen induktiven Schluss erlaubt dies noch lange nicht, da gebe ich clem absolut recht.

ich möchte nun aber einen eher empirischen Ansatz wählen. In einer moralischen oder ethischen Entscheidung sind höhere Prinzipien stets mit einem binären code zu betrachten. entweder ist ein Sachverhalt gerecht oder er ist nicht gerecht. wenn ich mir nun einen Fragebogen denke der verschiedene Aspekte von Gerechtigkeit in verschiedenen Abstufungen untersucht, so lässt sich für jeden Teilnehmer eine bestimmte Vorstellung von Gerechtigkeit darstellen. daraus lässt sich dann ein Gerechtigkeitsbegriff formen, der die größt mögliche Übereistimmung mit allen Teilnehmern bietet. Es entsteht ein intersubjektiver Konsens darüber was Gerechtigkeit ist und was es nicht ist. Eben dieser Konsens lässt eine Aussage darüber zu was Gerechtigkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort ist und nicht ist.

ich halte es für absolut wichtig zu sagen dass es keine höheren Prinzipien gibt die jenseits von Zeit und Raum existieren. das wäre dann Glauben. Der Wandel von Prinzipien muss akzeptiert werden, wenn man schon nicht in der Lage ist ihn zu bejahen.

ps: das video ist nicht abspielbar, jedenfalls bei mir.

clem hat gesagt…

Ja ich bin damit komplett dakor. Der von dir erwähnte Aspekt der verschiedenen subjektiven Definitionen des Prinzips ist bei mir etwas kurz gekommen, weil ich wie gesagt finde, dass der logische Aspekt selbst dann noch besteht, wenn ersterer gelöst wäre.

Ich finde auch, dass das induktive Vorgehen um Prinzipien zu untersuchen, wie es in der Naturwissenschaft geschieht, seine völlige Berechtigung hat.

Ich finde es nur interessant, dass diese Prinzipien zwar allgemeiner als empirische Einzelbeobachtungen sind, jedoch fragwürdiger. Selbst wenn die materielle Beobachtung sichergestellt werden !könnte!, welches Prinzip sie hervorruft ist eine kreative Frage und kein logischer Schluss. Das Wort Herleitung suggeriert schon eine eindeutige Richtung.

Das Beispiel Gerechtigkeit war schlecht gewählt, weil es auch als Eigenschaft verstanden werden kann. Mit Prinzip meinte ich Dinge wie Actio=Reactio, Messbarkeit, freier Wille, eben die Gültigkeit gewisser Gesetze oder Möglichkeiten.

Andererseits basiert jedes halbwegs als sachlich empfundene Denken auf solchen Prinzipien.

Um beispielsweise eine Rechtsprechung philosophisch zu rechtfertigen, braucht man sowas wie Schuld, deren Sinn nur unter der Annahme des Prinzips Kausalität gerechtfertig scheint.

Das Video sollte jetzt wieder laufen.

mattes hat gesagt…

ich finde dieses thema sehr spannend und kann kaum etwas hinzufügen.
die frage ist nur, was eher da war, mensch oder prinzip. denn auch wenn die prinzipien logischerweise noch nicht ausformuliert waren, so hatten sie dennoch seit jeher gültigkeit auf diesem planeten. der mensch fing nun an, aus beobachtungen verallgemeinerte regeln und gesetze zu formen, welche er miteinander verglich und prinzipien dahinter erkannte.
was hat es nun aber mit der wahrheit auf sich? das "problem" ist, der mensch ging weiter. er begann nun prinzipien zusammenzufassen sowie zu verallgemeinern, scheinbar mit dem ziel hinter allem den einen allumfassenden allgemeingültigen ursprung zu finden, das allgemeine prinzip, für welches er sogar schon ein schönes wort reserviert hat: wahrheit!...er wäre wohl dennoch enttäuscht, wenn die antwort 42 lautete...

lydia hat gesagt…

mmh bestimmt, aber wahrscheinlich würde der Mensch
die Antwort nie erfahren oder glaubst du das in 7,5 Millionen Jahren die Erde noch bevökert ist? ..:)