Shake your Style.

05.11.2008

Dresden-Valencia

Vor nun schon einer ziemlichen Weile sind Bosćij und ich nach Spanien geträmpt. Habe mir während der Tour einige Notizen gemacht, aus denen ich hier die Fahrt ins Blaue zu rekonstruieren versuchen möchte.

Unsere Route:


Eigentlich sind Landkarten ja eher etwas Ödes, doch diese ist mit ner Menge Abenteuer angereichert.

Tag 1

Los geht's bei Bosćij um 11.30 Uhr vor der Haustür. Die Vorraussetzungen denkbar ungünstig, denn Boscij hat am Abend davor bis um 6 in der Groovestation aufgelegt, wo auch ich zu Gange war, mit entsprechend einhergehendem Alkoholpegel. Bedauerlicherweise ist dies der Fitness sowie Wellness nicht grad zuträglich, doch Bosćij ist Fit, ich auch. Des Weiteren scheint mir der Samstag, dessen Nachmittag wir mittlerweile heute haben, nicht als optimalster Tag zum Bewältigen großer Strecken per Daumen. Weitere Verzögerungen schleichen sich ein, zurückgehend auf die bei Boscij nächtigenden Mato und Ala und Freundin, mit denen man auch noch etwas rumgehangen hat, den vergangenen Abend auswertend und spekulierend über den vorstehenden Trip. Wir stehen letzten Endes um Eins an der Shell-Tankstelle mit unserem ersten A4-Blatt. Darauf ein C und zugehöriger Pfeil, was soviel heißen soll, dass wir in Richtung Chemnitz bitten mitgenommen zu werden. Wir sind hier nicht die Einzigen, denn ein Gleichgesinnter versucht bereits über zwei Stunden nach Erfurt zu kommen, was mit unserer Richtung Übereinstimmt. Dem flauen Gefühl im Magen, welches sich an dem den Abend folgenden Tag einstellt, an dem man nicht mehr nur von Alkoholgenuss reden kann, gesellt sich ein leicht Mulmiges, das zu verbleiben aber nicht all zu lange Zeit hat, denn nur zwei grüne Wellen später sitzen wir dann zu dritt in der Kombiausführung eines weißen Opel Vectra aus den frühen 90ern, dessen Fahrer zu seinen Eltern nach Chemnitz zum Mittagessen unterwegs ist. Schnell stellt sich heraus, der ehemalige Steinmetz kennt Bosćijs Onkel und Bürgermeister der Gemeinde Nebelschütz, bei dem er einige Wochen zuvor im Steinbruch Skulpturen gehauen hat. Dies lässt sogleich eine angenehme familiäre Atmosphäre entstehen, wodurch sich das bloße mitgenommen werden zum Reisen entwickelt. Auch ist jetzt klar, dass wir heute Nacht nicht mehr in Dresden schlafen werden.Entlassen werden wir an einer Raststätte kurz vor Chemnitz, da es sich an Raststätten besonders angenehm Trampen lässt, plant man weite Strecken zurückzulegen. Der Erfurter ist nach 5 Minuten weck, wir aber haben so unsere Probleme, obwohl wir die Leute direkt aber charmant anreden. Kurzerhand beschließen wir diese Gegend zur Einöde zu erklären. Über eine Stunde vergeht, bis uns eine Polin fragt ob dies die richtige Richtung nach München sei. Bejahend, weisen wir sie zusätzlich darauf hin, dass unser Reiseziel das gleiche sei, und fragen ob sie uns denn mitnehme. Nach anfänglichen Zögern erklärt sie sich bereit, da sie ja zum ersten mal in Deutschland ist, die Sitten des Landes nicht kennt, also die Gefahren nicht einzuschätzen wieß, und außerdem eine Frau mit zwei fremden Männern, naja.
Wieder mit einem Opel, nun aber der Mantaära zuzuordnen, geht’s auf die Autobahn hinauf. Es wird von ihr eine Zigarette nach der anderen geraucht, was sich nervositätsbewältigende Maßnahme herausstellt, nachdem sie nach der Dritten lauthals aufatmend ihre wiedergefundene Ruhe verkündet, wobei sich die Ruhe auch in ihrem Fahrstil niederschlägt, was mich als Beifahrer ebenfalls aufatmen lässt. Leider hat sie aus Nervosität bei Auffahren auf die Autobahn aus dem 4ten Gang versehentlich zurück in den Dritten geschallten, was bei 6000 Umdrehungen eine Maximalgeschwindigkeit von 110 km/h ausmacht. Als ich ihr ihren Fehler klar zu machen versuche und dabei auf die Gangschaltung zeige, meint sie nur „Ja,ja Radio“ und schaltet es ein. Ich ahne, dass es mit der Verständigung beim fortschreiten unserer Reise nicht gerade besser werden wird, und belasse es dabei. Solange der Drehzahlmesser immer noch im grünen Bereich ist, und auch die Temperatur des Kühlwassers nicht beängstigen hoch ansteigt gibt es wenig Grund zur Unruhe. Außerdem lässt sich bei geringem Tempo die Landschaft besser genießen.
Kurz nach Nürnberg trennen sich dann unsere Wege, da sie irgendwo zwischen Nürnberg und München abfahren muss. Bosćij und ich beschließen uns zunächst eine Fertigsuppe reinzupfeifen bevor es weitergeht. Rein Zufällig treffen wir dann auf der Raststätte Fränky, ein anderen Tramper unterwegs in die Alpen, was zu einem gemütlicher Plausch über Welterfahrung und Terrinenphilosophie führt. Zwischen sich auf Achse Befindlichen und unentwegt beobachtend von der Toilettenfrau ergibt sich ein ganz besonderes Flair das so nur auf Raststätten beheimatet sein kann. Zum ersten mal empfinde ich eine von vielen herausragenden, wenn aich nicht überaschenden Besonderheit des Trampens: Lässt man sich an einer Raststätte aussetzten weiß man nicht was als nächstes Passieren wird. Weder bei wem man im Auto sitzt, ob man überhaupt mitgenommen wird, was sich an der Raststätte ereignen wird, wie lang man wartet und man weiß nicht wo man am Abend sein wird, geschweige den wo man die Nacht über schlafen wird. Diese vielen Fragezeichen verleihen der Sache den Reiz.
Als erstes begibt sich dann Fränky auf den Weg. Nachdem wir zuvor noch darüber geredet haben, wie geil es ist in fetten Karren mitgenommen zu werden, lädt ihn sogleich ein Bonze mit nem Mercedes-SLK-Cabrio auf. Fränky tut uns seine Freude noch mit nem nach oben gerichtetem Daumen kund, und schon saust er davon. Der erste den wir dann Fragen ist ein geschäftsmäßig aussehender Audi-A5ler, der ziemlich lässig einwilligt. Mich auf die Rückbank niederlassend wird meine Auffassung über das Reisen mit gehobener Klasse bestätigt. Einen kurzen Moment später befinden wir uns schon mit 240 km/h spitze, und etwa 180 Durchschnitt, in Richtung München. Schnell wird klar, wir haben es mit einem ausgemachten Raser zu tun, was ich aber eher angenehm als beängstigend finde und allemal ein Erlebnis wert. Auf der dritten Spur wird mit Lichthupe aggressiv dicht aufgefahren sobald sich ein deutlich langsameres Gefährt erdreistet ebenfalls diese Spur zu nutzten und uns zum Abbremsen zwingt. Er meint, früher habe er ja auch rechts überholt, bis er dann Ärger mit der Polizei hatte, was zu einem viermonatigem Fahrverbot führte. Ich glaube für ihn muss es sich wohl gleich einem Junkie mit ohne Schuss angefühlt haben, was seine erzieherische Wirkung anscheinend nicht verfehlt hat. Gespickt wird die Fahrt überdies mit technischen Details zum Auto, Erläuterungen zu seiner Tätigkeit als Skulpturenhändler und seinen früheren Tramperfahrungen. So hat er mal bei einem Schiff angeheuert, was ihm einen zwei monatigen Aufenthalt in Kuba ermöglichte. Für einen Westdeutschen zu seiner Zeit eigentlich eine Unmöglichkeit.
Im Gegensatz zu den meisten darauf folgenden Tagen ist uns heute bereits relativ früh klar wo wir nächtigen, und zwar in München bei Matti, einer von bosćijs Freunden, bei dem heute auch eine WG-Feier stattfindet. Bingo! Die andere Möglichkeit wäre die Nacht über nach Italien zu Trampen, denn was gibt es schon in Deutschland zu sehn. Aber wir haben ja noch Zeit. Nachdem unserer Fahrer gefragt hat wohin wir in München wollen, erklärt er sich bereit uns direkt dorthin zu bringen, was wohl mit seiner Vorliebe fürs Fahren zu tun hat. In der Stadt vergisst er dann auch seine „Rechts nicht überholen“-Maxime, und legt einen Geschwindigkeitsschnitt auf den Asphalt, der zu den oberen Top 100 aller Schnitte in München gehören sollte.
So ging also unser erster Tag auf der Straße zu Ende und wir bewegten uns wieder im häuslichen Milieu. Doch die Erlebnisse die mit dieser sehr individuellen Art des Reisens einhergehen, wollten nicht aufhören. Auf der Party, allein am Tisch sitzend mit Bosćij und unsere Soljanka löffelnd schneit Andreas um die Ecke, total begeistert von unserem Vorhaben. Es stellt sich heraus, dass er selbst einer vom Schlage wie wir es sind und noch extremer ist. Auf der Basis lässt sich leicht Freundschaft schließen. Im Winter arbeitet er in den Alpen beim Skiverleih, doch im Sommer ist er offen für jegliche Unternehmungen. So kam er am gleichen Tage aus den Alpen nach München, wo er einen Viertausender bestiegen hat, berichtete uns mit seiner 40zig Jährigen Lebenserfahrung von zig weiteren alpinen Abenteuern, Tandemflügen im Paraglider, Reisen durch ganz Europa, und, und, und. Was für mich das beeindruckende an diesem Fakt ist, ist dass sich hier zum ersten mal eine ganze, wenn auch kleine Parallelgesellschaft offenbart, in der die Menschen die meiste Zeit ihres Lebens mit Abenteuern zubringen, oder diese zumindest ihren wertvollsten Lebensinhalt bilden. Hätte ich's mir nicht Live und Authentisch berichten lassen, ich hätte nicht geglaubt, dass dies möglich ist sowohl von der Lebenseinstellung als auch von den Rahmenbedingungen. Das einzige was er an dieser Lebensweise zu bemängeln hatte war das ausbleiben einer Partnerin, denn beides kann man nicht unter einen Hut bringen. Wir tranken noch einige Biere gemeinsam, philosophierten noch über dieses und jenes recht angenehm und begaben uns schließlich in freudiger Erwartung an die nächsten Tage ins Bett. Als Crème de la Crème unserer Unterhaltung kann man diese Aussage von Andreas wiedergeben, auf die Feststellung hin, es seinen oft Geschäftsmänner die einen mitnehmen: „Die Unternehmer von heute waren auch früher Unternehmer, nur anderer Art.“

Tag 2

Noch leicht verkatert, dennoch ausgeruht, brechen wir gegen 11 zur Raststätte Vaterstetten bei München auf um aussichtsreich weiter zu trampen. Mit den öffentlichen Verkehrsmittel lassen wir uns in die Peripherie befördern um nach 2 km zu Fuß das erste Etappenziel zu erreichen. Das letzte Stück des Marsches mit Kraxse führt uns durch unwegsamen Wald, da Raststätten meist in der Einöde liegen, und wir befinden uns wieder auf unserem Trip, was sich sauberst anfühlt.
Angekommen fragen wir zugleich die ersten Leute ob in Richtung Italien unterwegs, doch empfängt uns, vielleicht nur gefühlt, Feindseligkeit. Größtenteils befinden sich hier Rentner oder Rentnerähnliche die sich kurz vor Österreich ihre Autobahnvignette kauften um Sonntags evtl. wandern zu gehen. Wahrscheinlich stören wir Lumpen ihre Vorstellung von Heimatidyll und werden deshalb als Fremdkörper behandelt. Das Wetter ist auch nicht schön.
Jedenfalls finden wir ein junges Pärchen, Andreas und Claudia, die uns angenehm bis Innsbrück bringen können. Andreas war selbst bereits auf Weltreise, was der Unterhaltung zuträgt. Wir essen Schocki, obwohl nicht in der Schweiz, bekommen nebenbei den Sieg des jüngsten Siegers der Formel 1-Geschichte im Radio mit, und sind fluxs an der Raststätte Europabrücke kurz vorm Brenner, bei einem Wetter welches man anders als Pisse nicht bezeichnen kann. Nach kurzem Plausch mit den scheibenputzenden Tankstellen-Boys sitzen wir gnädige 15 min später bei einem jungen Österreicher im schwarzen Seat Richtung Verona. Berichte über Südafrika und seine Heimatstadt Barcelona folgen. Gelernt habe ich von ihm das Wort „Geschmeidig“ was Synonym zu „Cool“ gebraucht werden kann, aber einen Hauch von Dorftrottel an sich hat und mich leicht schmunzeln lässt sobald ich's höre.
Kurz vor Verona werden wir entlassen. Unsere erste Tat auf italienischen Boden besteht darin einen Kaffee zu trinken, der hier an der Raststätte nicht etwa instand aufgegossen wird, sonder frisch gebrüht unserem Gaumen schmeichelt.
Das weiterkommen nach Mailand will hier so recht nicht gelingen, und so begeben wir uns nach einer Stunde vergebenen Wartens zu Fuß zur nahe gelegenen Mautstelle. Denn in Italien muss für das Fahren auf dem Highway Geld berappt werden, weshalb die Autos an der Auffahrt kurz anhalten und somit eine ideale Möglichkeit zum Einsteigen bieten. Doch auch hier haben wir kein Glück obwohl Mailand groß auf der Richtungstafel prangt. Später, also nach einem Bürger und 2 DAB-Dosenbier, werden wir von einem Trucker aufgeklärt, dass die Annahme, dass, wenn Mailand in eine Richtung ausgewiesen ist, auch in diese Richtung nach Mailand gefahren wird, falsch ist, denn die meisten verlassen an dieser Mautstelle die Autobahn um eine Abkürzung zur nächsten Autobahn zu nehmen, was eine halbe Stunde Fahrzeit erspart. So wechseln wir Kurzerhand die Straßenseite was nach 10 Minuten belohnt wird. Wir sehen, es ist tatsächlich schwieriger sich in anderen Ländern zurecht zu finden.
Der Führer des Fahrzeugs berichtet über Erlebnisse in China und den Nord-Süd-Konflikt Italiens. Fürsorglich bemüht er sich sogar für uns Adressen von Hostels in Mailand zu finden. Die Fürsorglichkeit steigert sich sogar soweit, dass er uns Nachts extra nach Mailand hinein bringt, um uns ein angenehmes weiterkommen in der Stadt zu ermöglichen. So sind wir nun um 00:16 Uhr am Tagesziel, was uns besonders freut, da Andreas am Tag zuvor mit uns und seiner Erfahrung über den Erfolg dieser Unternehmung gewettet hat und wir recht behalten haben.
Als letzte Tat des Tages wartet noch die Schlafplatzsuche auf uns, wofür wir uns in den von Moussolini pompös errichteten Bahnhof begeben wo wir bei der Polizei auf Oscar stoßen, der nach Zettel und Stift fragt um sich auf kosten seiner ankommenden Freunden einen Spaß zu erlauben. Uns bezieht er gleich mit ein damit wir für ihn die Situation des Abholens durch eine unbekannte Person inszenieren, was bei der Freundin wohl für einige Fragezeichen sorgen sollte. Der Spaß geht voll auf, denn die Freundin ignoriert Bosćij mit dem Zettel in der Hand vollkommen, selbst beim direkten Nachfragen nach der Übereinstimmung des Name auf dem Zettel mit dem ihren. Dies sorgt für eine lockere Atmosphäre in der kleinen Gruppe, und so beschließt Oscar uns mit seinem Wagen zum nächsten Hostel in der Stadt zu bringen. Ein angenehmer letzter Erfolg des Tages der so unerwartet wie nett war.

Tag 3

Nachdem wir um 10 ausgecheckt haben, stehen wir gen 12 auf der Autobahnauffahrt Richtung Genova. Mit Hummeln im Hintern beschließen wie eine erfolglose halbe Stunde später zur nächstgelegenen Raststätte zu laufen, wobei sich der Laufweg verkürzt, da wir von nem netten langlodschen Italiener mittleren Alters aufgegabelt werden. Weiter als zur nächsten Raststätte kann er uns aber nicht bringen. Unsere Vermutung, dass kurz hinter Mailand wenig Leute rasten bestätigt sich. Dies beschert uns 2 Stunden vergeblichen Wartens. Dabei stellt sich Wein als exzellentes Mittel gegen Trübseligkeit heraus. Mit flachem Humor geht’s dann mit dem Bus wieder zurück zur bereits besuchten Auffahrt. Nur stehen wir nun an einer anderen zur Auffahrt führenden Straße. Etwas komisch ist es schon nach nahezu 3 Stunden immernoch am fast gleichen Punkt zu sein. Glückliche schnelle 10 min vergehn bis sich Danilo als Wohltäter erweist. Dieser ist auf dem Heimweg nach San Remo, kommend vom bereits erwähnten F1-Grand-Prix in Monza wo er als Guard der Rennwagen zu Gange war. Vorgestern noch im Radio davon gehört, jetzt einem Augenzeugen begegnend, wie klein die Welt doch ist.
Trotz der Frustration am frühen Tag verspricht sich ein positives Ende, denn San Remo liegt genau an der Grenze zur Südküste Frankreichs, unserem erklärten Etappenziel. Gut gelaunt also auf die anstehenden 250km mit akustischer Begleitung durch Gigi D'Agustino. Hier bahnt sich eine Konstante für die nächsten Tage an, denn die Sonne kommt erstmalig in voller Pracht zum Vorschein. Auch erblicken wir das Mittelmeer. Ein Gefühl von Urlaub macht sich breit. Der erwartete Temperaturanstieg bleibt nicht aus, was uns, nachdem wir ausgesetzt wurden, dazu veranlasst in San Remo die langen Hosen auf kurz zu ändern. Nur zur Sonnencreme wird noch nicht gegriffen.
Richtung Frankreich werden wir von einem Engländer aufgelesen, der uns seiner Auskunft nach in das schönste Dörfchen der Südküste bringt, Villefranche, kurz vor Nica. Der von Berufswegen mit Yachten Handelnde zeigt uns Monaco, Häuser von gut Betuchten wie Bill Gates, die Quenn Mary. Wir erahnen den Reichtum der Gegend und sehen dessen Schönheit, die heut Nacht durch unsere Anwesenheit gesteigert werden wird. Auf der Suche nach Verpflegung wird uns der Reichtum der Gegend an den Preisen offenbar. Zwei Obdachlose, Cyril und Jaque wie sich heraustellen wird, erscheinen uns als perfekte Touristeninformation für Leute die billiges Essen suchen. Promt werden wir an eine Pizzeria verweisen. Genährt geht es gegen Neune auf Schlafplatzsuche. Dabei treffen wir in einer gut für die Nacht geeigneten Ecke die zwei Informanten von vorhin an ihrem Zelt. Sie bieten uns nen Joint an, und überreden uns damit zu bleiben.
Obwohl wir freundlich aufgenommen werden beschleicht uns Unbehagen, da beide gerade in hygienischer Hinsicht dem Ruf ihrer Sippe alle Ehre bereiten. Zudem stellt sich Cyril nach einigen körperlichen Annäherungsversuchen als Anhänger des wärmeren Gemütes heraus. Aus Angst vor nächtlichen übergriffen sexueller Art beschließen wir nicht an diesem Ort zu nächtigen. Es bleibt uns nichts anderes übrig trotz Müdigkeit Richtung Nizza weiter zu ziehen, vielleicht finden wir ja auf dem Weg dorthin ein ruhiges Plätzchen. Der nicht ganz ernst gemeinte ausgestreckte Daumen an der Hauptstraße, zumal mit wenig Zuversicht einhergehend, führt unerwarteterweise zu einem „Lift“ zum Hauptbahnhof Nizzas. Doch das Problem der Nacht bleibt. Wir fragen daher einen Bahnhofswärter nach nem Campingplatz o.ä. Der erteilt uns, verdutzt über den für ihn ungewöhnlichen Bestimmungsort, Auskunft, mit der sich anschließenden Frage, weshalb wir nicht am Strand schlafen. Scheinbar gehört die Nacht am Meer in Nizza für Kurzentschlossene zur Normalität. So nun auch für uns. Damit neigt sich nach kurzem Stadtrundgang bei Nacht ein anstrengender Tag an der Küste des Meeres seinem versöhnlichen Ende entgegen.

Tag 4

Durch sanftes klopfen des Meeresrauschens an die Zeltplane werden wir in der Frühe geweckt. Der erste Griff geht zur Badehose. Urlaub ist nun nicht mehr nur Gefühl sondern Sinnlich. Start in den Tag an der Côte d'Azur. Zwei Kaffee schnell herbei geholt, auf dem Campingkocher brodelt Wasser fürs Frühstück, Nudeln. Zur mittäglichen Stund wechseln wir in den Strom der Straße, weiter entlang der Südküste, ohne festes Ziel, Hauptsache Meer. Dass wir die Dimension Nizzas unterschätzt haben wird uns nach längerem Fußmarsch mit ersten Blasen an den Füßen klar, doch an der vorgesehenen Stelle angelangt kommen wir schnell weg. Zuerst nur auf die Autobahn bis zur nächsten Mautstelle, bis nach Aix-en-Provence, kurz vor Marseille, wobei Das uns eine Übernachtung allemal wert scheint. In Aix-en-Provence treffen wir auch auf zwei Franzosen die „avec la pouce“ nach Barcelona wollen. Das erste große Ziel ist demnach nicht mehr weit. Wir aber fahren zunächst mit einem Olympique Marseille Fan, der das heutige Champions League Spiel besuchen möchte, in dieses. Jetzt selbstverständlich, führt uns unser Weg ans Meer, an dem wir heute zeitig genug sind um den Sonnenuntergang zu beobachten. Wahrscheinlich wirken zwei Typen auf einer Decke sitzend am Meer einfach zu schwul, denn ein Kerl lädt uns die Nacht über zu sich nach hause ein, dem wir aber höflich zu verstehen geben, dass der Anschein manchmal trügt. Hoffentlich werden derartige Annäherungsversuche nicht auch noch zu Konstante. Begleitet durch Fangesang aus dem Fußballstadion, der bis ans Meer dringt, schlummern wir ein.

Tag 5

Immernoch am Meer, stellen wir fest, dass das Wasser in Marseille deutlich kälter als in Nizza ist. Zum kalt sein bleibt aber nicht viel Zeit, denn von Oben wird nachgeholfen. Der vorerst ruhige Platz den wir zum Baden und für unser Frühstück ausgewählt haben, wird zunehmend durch Rentner bevölkert, die den Tag auf uns ähnliche Weise beginnen. Bald sind wir von diesen umzingelt, und schnell spricht sich herum wer wir sind. Wohlwollend werden wir in das Kollektiv aufgenommen, Zustimmung signalisierend durch den Daumen zum Grund unseres Aufenthalts.
Mit einer Laune, die man sich besser auf Reisen fern der Heimat nicht vorstellen kann, geht’s quer durch Marseille an den Autobahnzubringer. Cool ist, dass man sich auf Plätzen mit vielen Einheimischen aufhaltend zum Bestandteil des Alltags der Stadt wird, und ihn somit miterlebt, incl. der Stimmungen der Menschen.
Feinster Jazz befördert uns zuallererst in das Dörfchen Saint-Cannat, das dermaßen schön ist , dass durch seinen Charme selbst jeglicher Wartezeit ihr Schrecken genommen wird. Aus dieser atemberaubenden Schönheit entführt werden wir von Judas und Zion. Zion ist ein 2-Jähriges quirliges Mädchen, Judas ihr Vater. Zion drückt ihre Freude über den unerwarteten Besuch durch Rudern mit Armen und Beinen aus. Fast zu schnell, um es zu verstehn, fragt sie immer wieder im niedlichsten Kleinkind-Französisch „Vous allez en Nice.“ Liebend gern würde ich mit ihr nach Nizza fahren. Sie unterhält uns die gesamte Zeit über alleine. Die ehrliche Zuneigung des ungetrübten Herzens beschert mir nach dem schönsten Dörfchen der Reise den schönsten Aufenthalt auf vier Rädern.
In Salomon, jetzt wieder an der Autobahn, siedeln wir vom strahlenden Kinderlächeln in die nachmittägliche Sonne über. Alles ist einfach Perfekt, Wetter, Umland, Stimmung. Wannja und Sebastian, Studenten aus Toulouse, laden uns auf dem Weg dahin bis Narbone auf. Die Fahrt entwickelt sich zur Sightseeing-Tour durch Südfrankreich mit persönlichem Fremdenführer. Wohl kaum lernt man anders als durchs Trampen Land und Mentalität auf durchreise vollständiger kennen.
Das letzte Stück des Tages bis kurz vor Perpignon an der spanischen Grenze nimmt uns eine, sich auf der Heimfahrt befindende, in der AIDS-Beratung arbeitende, Frau mit, die durch ihre nette zuvorkommende verständnisvolle Art besticht. Aufgrund der Übung in Praxi, reicht mein Französisch mittlerweile für einen netten Plausch. In ihrem Heimatdorf und unserem Nachtlager zeigt sie uns noch den Supermarkt und Campingplatz wo unser Tag dann auch aüßerst schwärmerisch zu Ende geht.

Tag 6

Heute werden wir Barcelona erreichen! Daher frohen Mutes zu Fuß auf zur Autobahn, mit 3 Flaschen Wein weniger im Gepäck, dafür im Kopf. Obwohl an der Autobahn angelangt, sind wir noch lange nicht an einer Auffahrt, aber am Zubringer zu dieser, wo wir's zunächst mal probieren. Irgendwann realisieren wir, dass wir uns vor Langeweile mit irgendwelchem Baumsamen gegenseitig bewerfen, was uns vor Augen führt, wenn es schon so weit kommen kann, dass es hier zwecklos ist zu warten. So ziehen wir eine Stunde später weiter über ein ausgetrocknetes Flussbett und Weinplantage direkt zur Auffahrt, an der wir dann nochmals zwei Stunden verharren, die Zeit erschlagend vor Informationstafeln mit Landkarten der Region. Kurz nachdem das mailänder Mittel gegen Frustration Anwendung gefunden hat, bittet uns ein Trucker in seiner Kabine.
Die Stimmung hebt sich, nicht nur, weil sich das Mailänder in seiner Wirkung bestätigt, sondern weil dem Trip auf den Straßen Europas die Krone aufgesetzt wird, denn im Allgemeinen gilt es als schwer möglich zu zweit im LKW mit zu fahren, da man sich zu Dritt im Führerhaus am Rande der Legalität bewegt. Doch sind die Impressionen on the Road im Truck einzigartig. Mir wird ein Platz auf dem Bett im Hinteren des jetzt Wohnzimmers auf Rädern angeboten. Mit breitem Grinsen lasse ich mich gemächlich auf das Sofa nieder, streife zudem, dem feschen jungen Spanier links nebst mir gleich, meine Schuhe von den Versen. Kaum auf der Autobahn reicht uns unser Gönner einen Joint, worüber ich mir, nach vierteljähriger gezwungener Abstinenz, fast Löcher in den Bauch freue. Entspannt an der Grenze zum Nirwana mit angebrochener Flasche Rosé in Gesellschaft, werden die letzten 219 km nach Barcelona in Angriff genommen. Wahrscheinlich zu entspannt stellen wir nach nem guten Stückchen fest, dass wir in die falsche Richtung fahren. 40 Kilometer und ne halbe Stunde später bietet sich uns nochmals der Blick auf unsere Ausgangsposition, jetzt auf der richtigen Seite der Führerstands. Überhaupt wird dem Auge phänomenales dargeboten. Aus dem 16:9-Panoramafenster ergötzt man sich aus adlergleicher Perspektive an dem Geschehen auf der Autobahn und der Landschaft die Spanien entgegen strebt. Ich erinnere an meine bequeme Sitzposition der mein seelischer Zustand einher geht. Untermalen wird das ganze mit Flamenco-Soul von Pitingo, der angesichts der Gesamtsituation das akustische Ausrufezeichen dieser 2 Wochen setzt. Alles ist mal wieder perfekt.


Später machen wir dann noch ne 45 minütige Pause wegen den Fahrzeiten, werden Zeuge von ewig währenden Überholmanövern mit Haaresbreite Platz zwischen den LKW's beim Ein- und Ausscheren, hören den kolosalen Pfeifkünsten des Fahrers zu, die er sich wohl in den zahlreichen einsamen Stunden angeeignet hat, lernen die Physik des 40 Tonnen Sattelschleppers beim bewältigen von Anhöhen mit 70 km/h kennen, sehen den Sonnenuntergang. An der Grenze muss ich mich noch kurz hinterm Sitz verstecken um unentdeckt zu bleiben.
Vor den Toren Barcelonas findet dieses Teilstück von vielen dann sein Ende. Mittlerweile hat Flori angerufen, den wir eigentlich erst in Valencia zu treffen erwarteten, der aber auch in Barcelona ist. So haben wir ein konkretes Ziel für den Abend, müssen nur noch in die Stadt hinein, in die wir von zwei Kletterern mitgenommen werden. Aber nicht kraxeselnt in Seilschaft, sonder im schwarzen VW-Bus.
Barcelona ist erreicht nach sechs Tägiger Odyssee. Das Trampen hört hier auf, denn nach Valencia fahren wir wegen schlechten Wetters mit dem Bus, 2000 km haben wir allein mit dem Daumen hinter uns gelassen, ein gutes Stück von Europa gesehn, im Gepäck sind die Konservendosen aufgebraucht, im Ersatz ne Menge neuer Eindrücke und Erfahrungen eingelagert. Mehr als die Hälfte der eingeplanten Zeit stehen noch vor uns, in der wir uns im fantastischen Barcelona und bezauberndem Valencia aufhalten werden im Strudel weiterer überwältigender Ereignisse. Von denen sei an dieser Stelle nur in komprimierter Form berichtet, denn bereits jetzt ist der Artikel sage und schreibe ganze 7 A4 Seiten lang. Etwas viel evtl., auch für euch, die es lesen, doch jede Zeile ist es wert, weil besonders. Dabei ist alles absolut ungeschönt, ehrlich und authentisch berichtet, und trotzdem noch überwältigend, deshalb berichtenswert und so besonders für mich. Des Weiteren erweitert es die Schönheit etwas Erlebten, wenn man Leute hat mit denen man es Teilen kann.

And it proceeds

In Barcelona haben wir Flori, Domme, Tom und Weitere getroffen, Babsi, ne Freundin von Florian kennengelernt, die wir alle auch die folgenden Tage oft gesehen haben, bspw. am Campingplatz am Meer, wo wir einen ganzen Tag gefaulenzt haben.


Nebst Campingplatz schliefen wir 2 Nächte direkt am Meer in Barcelona, wo wir das zweite mal überfallen wurden, also nich zum zweiten Mal, sondern in der zweiten von den zwei Nächten, und haben auch sonst die Facetten der Kleinkriminalität Barcelonas erlebt. Um mehr als einen Gürtel der an der Schnalle bereits gerostet hat, zwei Euro in Kleingeld und ein Feuerzeug wurden wir aber nicht erleichtert. Den größten finanziellen Verlust konnte die Gruppe um Domme verbuchen, die wegen Urinierens in der Öffentlichkeit 75€ abdrücken mussten, jetzt an die Polizei.



Wir haben uns ein Designmuseum angesehen, bei dem, dort ankommend, wir feststellten, dass es erst gebaut werden wird;
haben im Stadtpark rumgehang, mit der Erkenntnis, dass wer Denken kann klar im Vorteil ist, weil er sich für ne Zeit lang auch mal selbst unterhalten kann;(Die Katzte!)
waren im Park Guell;
und haben ein Foto von der Sagrada Familia gemacht;
das Flair zahlreicher Cafés durch unsere Anwesenheit bereichert, Bocadillo gegessen,
Kinderfest mit Puppentheater gesehen, und, und, und.




In Valencia schliefen wir bei Flori, der uns in das alltägliche spanische Leben einführte, mit Siesta, Tortilla, Schimpfwörtern und viel spanischem Bier.
Wir sahen, dass sich die Spanier beim Aus- und Einparken bei Stoßstangenkontakt nicht so haben, wurden über Dealermodalitäten in Valencia unterrichtet, mit verstecktem Dope in Gullies, sahen Sehenswürdigkeiten im geläufigem Sinne;
und persönliche Highlights;
sowie den Größenwahnsinn Valencias;

und eine Plakatausstellung mit Plakaten zu alten Filmen.

Überhaupt gingen wir besonders Abends viel aus, auf größere Plätze, da sich das allabendliche Beisamensein da zelebriert, und hingen Straßenvolk ab, sahen Hunde sich gegenseitig die Genitalien lecken.
Ein Obdachloser zeigte mir noch ein Buch von Quino.


Und so weiter, bis wir dann irgendwann ins herbstliche Deutschland zurück flogen. Wir schliefen noch eine Nacht in Frankfurt Hahn im Flughafen nebst Colaautomaten, um am nächsten Tag mit Franky und Carli zurück nach Dresden zu fahren, von den wir noch aus Valencia wussten, dass sie an diesem Tag aus Bercelona zurückfliegen.

---Ende---

6 Kommentare:

georg hat gesagt…

Sehr schön zu lesen! Macht Lust auf's Wegfahren. Und die Gürtelschnalle war's wohl allemal wert...

clem hat gesagt…

Ein super Bericht. Ist deine Erinnerung so detailliert, oder hast du Notizen gemacht? Du hast die Stimmungen unzähliger Momente so gelungen eingefangen, dass schon das Lesen Erlebnis wird. Ein Erlebnis, zu dem sich ein Stündchen Zeit und "No More Wars" von Bodi Bill als Hintergrundmusik empfiehlt. Danke.

jakob hat gesagt…

*daumen hoch* abe du vergaßt zu erwähnen den nächtlichen überfall komplett verschlafen zu haben - du feigling!

lydia hat gesagt…

Super Bericht, man möchte am liebesten seinen Rucksack packen und alles stehen und liegen lassen. Die Fotos finde ich auch klasse!! Schade das man sie nicht ein bisschen größer anschauen kann.

Ändy hat gesagt…

Hey, danke für alles Feedback. Freut mich!

Dass ich den Überfall verschlafen hab hat nichts mit Feigheit zu tun. Davor habe ich Mannhaft eine 3/4 Flasche Wein getrunken, der mich zu tief schlummern hat lassen um meine Umgebung wahr zu nehm. War dann auch ganz lustig für mich, als der nun etwas schockierte Boscij mich aufgeweckt hat.

Die Fotos kann man vergrößern indem man nach dem Rechtsklick "Grafik anzeigen" wählt, oder hier klickt.

mattes hat gesagt…

nun komm ich endlich mal dazu:

wunderbar andré!

am besten ich zitiere hier den meister des herzerwärmenden lebendigen reiseberichts selbst, nämlich dich:
"...jede zeile ist es wert, weil besonders."
ich hab mir auch ein kleines loch in den bauch gefreut und hatte fast das gefühl, dabei gewesen zu sein.

danke dafür und (ich würd es ja gern auf französisch schreiben, nur würde das vom alten lateiner eher ulkig aussehen) hut ab!!!