Shake your Style.

24.01.2008

Heute, 16 Uhr. Ich sitze am Schreibtisch und die Gedanken schweifen ab. Konzentration- was würde ich jetzt für sie geben.
Doch das Verlangen meines Körpers nach Bewegung gewinnt und ich setzte mich auf mein Rad. Gegen 16.30 Uhr biege ich in die Dresdner Heide ein. Der grau- dämmrige Wald empfängt mich und die Stille wird nur durch das leise Surren der Räder durchbrochen. Atmen! In einer Woche voll mit Informationen und herausfordernden Begegnungen schafft mir das Raum, um die Gedanken sacken zu lassen.
Während der feuchte Waldboden unter den Rädern dahingleitet, schieben sich Erinnerungsfetzen an meinem inneren Auge vorbei. Montag Morgen 8.30 Uhr irgendeine Station in der Kinderklinik. Blockpraktikum. Bed-Site-Teaching. Meine Tutorin verteilt ‚Fälle’ für die Prüfung am Freitag: „Frau Müller ihr Kind liegt in Zimmer 19. Ich verlange eine Epikrise bis Donnerstag 12 Uhr und schreiben Sie keine Romane! Und jetzt los. Schauen Sie sich Ihre Patienten an.“
Kurze Zeit später im Zimmer 19. Im Bettchen vor mir liegt ein Häufchen von Kind, seine Stirn ist schwitzig, die Haut zyanotisch, das Atmen gleicht einem Fauchen. Es schläft und ist gänzlich unbeeindruckt von meinen vorsichtigen Weckversuchen.
Ich versuche mir einen Überblick in der Akte zu verschaffen.
Nächster Fetzten schiebt sich ins Bild: Meine Tutorin ist im Raum. „Also los. Was sehen Sie? Untersuchen Sie das Kind.“ Ich beginne zu beschreiben was mir auffällt. Einen Augenblick später übernimmt meine Tutorin. Der Kleine ist ein ehemaliges Frühchen mit multiplen Dysmorphiezeichen (‚Fehlbildungssyndrom unklarer Ursache’ steht in der Akte). Meine Aufmerksamkeit gilt komplett der erfahrenen Kinderärztin auf der anderen Bettseite. Ich versuche nachzuvollziehen, was ich sehen soll und worauf dies schließen lässt. Sie ordnet dem Kleinen gekonnt 3 mögliche Fehlbildungssyndrome zu, für die er fast alle Zeichen aufweist. Nichts ist abgeklärt.
Nach 20 Minuten, die mir wie 2 Stunden vorkommen, ist das Kind wieder angezogen, meine Tutorin verlässt den Raum. „Kommen Sie, wir schauen uns das nächste Kind an!“ Nächster Fetzen: Es ist Mittwoch und wir haben Zeit uns mit „unserem Fall“ zu beschäftigen. Beim Blättern durch die Akte fällt mein Blick auf „schlechter Pflegezustand des Kindes bei Einweisung“, „Vater des Patienten ist Cousin der Mutter“, „6 weitere Geschwister“, „Verdacht auf intrauterinen Sauerstoffmangel“, „neurologische, psychomotorische Entwicklung nicht altersentsprechend“.
Ich gehe zu ihm. Seine Eltern sind zu Besuch. Die Luft des Raumes kann man vor Nikotingehalt förmlich zerschneiden, obwohl in der Klinik Rauchverbot herrscht.
Die Zuneigung zwischen ihnen und ihrem Kind ist unübersehbar und wirkt echt.
Sie sind einverstanden, dass ich den Kleinen noch einmal untersuche. Ich konzentriere mich auf seine Atmung, die Herztöne... . Er ist ein Kämpfer und er strahlt mich an.

Jetzt. Hier auf dem Rad sind mir diese Bilder so präsent und ich fühle mich klein. Ich realisiere erst hier wirklich das Ausmaß der Erkrankungen dieses Kindes und die Tragweite dessen für alle Beteiligten. Ich bin umso mehr erschüttert über die Professionalität mit der ich das Ganze bisher betrachtet habe. So viel Abstand. So viel Kälte. Wo war das Kind? Und was wird aus ihm? Das Wort „heilen“ bekommt in diesem Zusammenhang einen faden Beiklang.
Es wird immer dunkler und ich sollte mich langsam beeilen aus dem Wald herauszukommen. Ich trete in die Pedalen.
Aber braucht es nicht genau diese Professionalität, um dem Kind sein Überleben zu sichern? Es braucht Hilfe, die nicht vor seinem Schicksal (ich mag dieses Wort nicht, aber ich finde kein besseres!) einknickt. Ein Arzt, der vor lauter Mitgefühl bei jedem Patienten anfängt an seinen Grundfesten zu rütteln, ist auf Dauer kein guter Helfer.
Medizin funktioniert nicht ohne Professionalität; aber gute Medizin bedarf mehr. Davon bin ich überzeugt.
Ich bin immer wieder mit Situationen konfrontiert, bei denen ich mir nachher denke, dass ich mir, vor meinem Studium, so etwas nie zu getraut hätte. Aber auch mit solchen, in denen ich mich unglaublich dumm fühle; so als ginge mein Wissen glatt gegen null. Immer häufiger wird mir in den letzten Monaten bewusst, was für eine immense Verantwortung auf mich wartet. Ich freue mich auf meinen Beruf, da ich mir für mich nichts besseres vorstellen kann; gleichzeitig habe ich einfach nur Angst, dem nicht gewachsen zu sein, grobe Fehler zu begehen und Dinge zu übersehen.
Ich bin zu Hause angekommen. Die Realität hat mich wieder. Adrenalin pumpt durch meine Gefäße. Ich werde mich jetzt an meine Bücher setzen; zum einen, weil ich morgen früh in eine mündliche Prüfung gehe, aber vor allem, weil ich verdammt noch mal eine gute Ärztin werden will. Ich denke, ich schulde dem kleinen Mann etwas und bin einfach nur froh ihm begegnet zu sein!

4 Kommentare:

georg hat gesagt…

Hej Christin, ein wunderbarer Beitrag! Ich würde mal sagen: Zieh's durch, und denk dran: "Medizin funktioniert nicht ohne Professionalität; aber gute Medizin bedarf mehr. Davon bin ich überzeugt."

mattes hat gesagt…

hej christin.

echt krasser einblick in dein leben, welches sich so unterscheidet im alltag von meinem. doch die vorzüge einer fahrt durch dresdens heide hab ich auch schon gemacht. ich find sowas unglaublich
wichtig, um herauszufinden wo man steht.nämlich auf einer überwiegend schönen erde.

Ändy hat gesagt…

Ich weis nicht recht was ich sagen soll dazu. Auf jedenfall gut wie du's angehst und ein guter Einblick.

christin hat gesagt…

hey in die runde-
ich war am donnerstag echt ein wenig durcheinander und überhaupt nicht in stimmung mit jemanden zu reden, deshalb habe ich den post geschrieben. was ich als sehr angenehm empfand; da es gedanken ordnet und hier von menschen gelesen wird, deren meinung mir wichtig ist.
soviel dazu.
@ georg: ich gebe mir große mühe!